{"id":98,"date":"2014-06-17T22:39:07","date_gmt":"2014-06-17T20:39:07","guid":{"rendered":"http:\/\/robin-schicha.de\/?page_id=98"},"modified":"2014-07-10T19:57:01","modified_gmt":"2014-07-10T17:57:01","slug":"wie-erziehe-ich-mein-autistisches-kind-ein-ratgeber-fuer-verzweifelte-eltern","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/robin-schicha.de\/?page_id=98","title":{"rendered":"Wie erziehe ich mein autistisches Kind?"},"content":{"rendered":"<h2><strong> Ein Ratgeber f\u00fcr verzweifelte Eltern<\/strong><\/h2>\n<p><strong>Einf\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Autisten sind keine Heiligen &#8211; ich denke, \u00fcber diesen Punkt sind wir uns schnell einig. Sie sind weder b\u00f6se noch verr\u00fcckt und nur in seltenen F\u00e4llen unzurechnungsf\u00e4hig.<br \/>\nDoch was tun, wenn die Diagnose kommt? Wenn pl\u00f6tzlich die Eltern ihrem Kind mehr Aufmerksamkeit schenken, als es ihm vielleicht lieb ist? Und wie wird das Kind darauf reagieren? Wie soll ich mich verhalten, wenn das Kind pl\u00f6tzlich austickt? Diese Fragen stellen sich viele V\u00e4ter und M\u00fctter \u00fcberall in Deutschland viele Male am Tag. Sie wissen nicht, was sie tun sollen.<br \/>\nDarum habe ich diesen kleinen Ratgeber zusammengestellt. Er enth\u00e4lt meine eigenen pers\u00f6nlichen Erfahrungen mit Verhalten bei autistischen Kindern und Jugendlichen. Ich hoffe, diese Zeilen geben einigen von Ihnen seelische Unterst\u00fctzung und Hoffnung, gegen die \u2013 zum Teil \u2013 grausame und unverst\u00e4ndliche Welt direkt vor unserer Wohnungst\u00fcr. Allerdings \u00fcbernehme ich keine Verantwortung bei falsch interpretierten Anwendungsm\u00f6glichkeiten!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Alter<\/strong><\/p>\n<p>Das Alter, in dem jemand erf\u00e4hrt, dass sein sonderbares Verhalten den medizinischen Begriff &#8222;Autismus&#8220; hat, hat gro\u00dfen Einfluss auf die weitere Entwicklung dieses Menschen. Je fr\u00fcher man es erf\u00e4hrt, desto gr\u00f6\u00dfere Auswirkungen hat es f\u00fcr alle Beteiligten, denn je eher kann das Kind richtig gef\u00f6rdert werden. Denn nicht nur der oder die Autist(in) m\u00fcssen sich fortan umstellen, sondern auch die betroffenen Geschwister und Erziehungsberechtigten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kindergarten<\/strong><\/p>\n<p>Im Kindergarten werden meistens nur die extrem auff\u00e4lligen und unmissverst\u00e4ndlichsten Abweichungen von der Norm erkannt und behandelt. Manche Autisten fallen als Kleinkinder h\u00e4ufig nicht so sehr ins Auge, weil Kindern insgesamt eine gr\u00f6\u00dfere Toleranz entgegengebracht wird (\u201eEs sind doch noch Kinder, lass sie mal machen.\u201c). Schreien, Rennen, Tolpatschigkeit oder Hyperaktivit\u00e4t gelten in diesem Alter noch als relativ normal.<br \/>\nDagegen gelten in dieser Zeit stille, zur\u00fcckgezogene, \u201esch\u00fcchterne\u201c Kinder, welche nicht mit anderen spielen wollen und sich au\u00dferhalb der Gruppe bewegen, als merkw\u00fcrdig und damit als &#8222;auff\u00e4llig&#8220;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Grundschule<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Kindergarten beginnt bekanntlich der Ernst des Lebens. Nun sind die netten verst\u00e4ndnisvollen Betreuerinnen nicht mehr da, sondern die Kinder werden vom Lehrer unterrichtet. Nat\u00fcrlich f\u00e4ngt alles hier noch sehr einfach an: Das ABC, Amateur-Englisch, Rechnen mit den Fingern wie 2 + 2 = 4, usw.: Wer da nicht mitkommt, gilt meistens zuerst nur als faul, und es wird nicht weiter hinterfragt.<br \/>\nAuch die Geschlechterrollen sind hier noch recht einfach gestrickt: Jungen und M\u00e4dchen d\u00fcrfen ungezwungen miteinander spielen \u2013 was Teenagern sp\u00e4ter aberzogen wird. Da kommt erst das b\u00f6se Erwachen&#8230;<br \/>\nDann wird so langsam der Unterricht anspruchsvoller. Sport wird gro\u00df geschrieben: Wer als Torwart versagt, hat hinterher bei seinen Klassenkameraden schlechte Karten. Auch die M\u00e4dchen bewegen sich langsam aber sicher in Richtung &#8222;Rudel&#8220; und sind immer seltener allein unterwegs (\u201eMeiner besten Freundin kann ich alles anvertrauen.\u201c) Vielleicht haben sie ja in der Toilette ein geheimes Quartier. Wer wei\u00df schon, was an diesem Ger\u00fccht dran ist&#8230;<br \/>\nNicht zu vergessen die Mode und das Schminken. Auch die Jungen machen nun gro\u00dfe \u201eFortschritte\u201c, und es beginnen erste Lehrkurse in Sachen &#8222;Rock-Musik&#8220; und &#8222;Kumpelschlagen&#8220;. Manche beginnen sogar schon mit dem Rauchen (insgeheim, was aber immer unverp\u00f6nter gezeigt wird).<br \/>\nWer nur (wie viele Autisten) in der ruhigen B\u00fccherei herumh\u00e4ngt, sofern es eine gibt, ist schnell das \u201eOpfer\u201c von Mobbing. Die Erwachsenen und Lehrer erkennen dies oft nicht sofort und freuen sich, wenn ein Kind Flei\u00df an den Tag legt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die weiterf\u00fchrende Schule<\/strong><\/p>\n<p>Nun entscheidet sich das Schicksal des Kindes an der Qualit\u00e4t seiner Noten. Zwei F\u00fcnfen? Hauptschule. Zwei Zweien? Gymnasium. Eine Mischung aus beiden? Z\u00e4hlt nicht \u2013 oder vielleicht Realschule. Und wer in mehreren F\u00e4chern Lernprobleme hat, geht auf eine F\u00f6rderschule.<br \/>\nHier sollten die Eltern sich sehr gut die neue Schule ansehen und mit den Lehrern \u00fcber ihr besonderes Kind reden. Man sollte vorher abkl\u00e4ren, dass nicht die Rabauken das Klassenzimmer beherrschen und dass &#8222;Brillenschlangen&#8220;, Sonderlinge und Autisten gesch\u00fctzt werden.<br \/>\nWenn Ihr Kind ein neutraler Lehrerfreund ist, gilt es in den Reihen der Sch\u00fcler als Verr\u00e4ter, ebenso wie Streber (die eigentlich wahren Loser dagegen gelten bis zu ihrem Abgang als Helden und als &#8222;cool&#8220;, da sie sich nichts vorschreiben lassen).<br \/>\nDer Einfluss der &#8222;coolen&#8220; Jungs ist ebenfalls beachtlich. Ich habe mehre Male erlebt, dass die Stille und Konzentration im Klassenraum steigt und anh\u00e4lt, wenn der betreffende Klassen&#8220;king&#8220; einmal krank ist (oder &#8211; was auch h\u00e4ufig vorkommt &#8211; schw\u00e4nzt). Dabei darf ich nicht auslassen, dass die meisten Anpasser keine Alternative kennen: Lieber einmal beim Chaos beitragen, als selbst in die Situation des armen gemobbten Jungen zu landen, schlussfolgern die meisten richtig.<br \/>\nIch selbst wurde einmal von einem Mitsch\u00fcler gewarnt, als ich auf eine neue Schule kam: \u201eGeh hier weg! Wechsle sofort die Schule! Du wei\u00dft nicht, wie die hier drauf sind!\u201c Sp\u00e4ter geh\u00f6rte er zu einer Bande, welche jeden Schwachsinn mitmachte (etwa die Uhr im Raum zu verstellen). Ich gestehe, ich konnte sein Handeln irgendwie sogar nachvollziehen, da ich ja einmal erlebt hatte, wie er wirklich war. Zum Dank f\u00fcr diese Warnung lud ich ihn sogar zu meinem Geburtstag ein \u2013 und wechselte dann sp\u00e4ter aber doch noch die Schule.<br \/>\nLeider nicht fr\u00fch genug: Vorher wurde ich noch von einem brutalen Mitsch\u00fcler ohne Grund zusammengeschlagen! Aber genug davon: manche haben in dieser Zeit auch gute Freunde f\u00fcrs Leben gefunden \u2013 ich selbst musste oft die Schule wechseln, was es schwer machte, sofort akzeptiert zu werden.<br \/>\nGlaubt mir, manchmal ist es einfach ertr\u00e4glicher, wenn man mal nicht so tun muss, als w\u00e4re einem der Unterricht egal, denn man hat dadurch die Chance, etwas individueller zu werden und zu seinen eigenen Gedanken zu stehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Beruf oder das Studium<\/strong><\/p>\n<p>Nun erreichen wir die Welt der erwachsenen Autisten und werden gesiezt. Gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig, aber na ja! Die fachlichen Anforderungen werden immer anspruchsvoller, und der junge Mensch muss sich anstrengen, um mithalten zu k\u00f6nnen.<br \/>\nWer jetzt auff\u00e4llt, weil er noch keine Freundin hat, sollte sich sputen (meinen die anderen!). Auch Alkohol und Zigaretten sind nun ein wichtiges Statussymbol f\u00fcrs Angesagtsein. Insgesamt wird das Reden in der Gruppe wichtiger als das Spiel mit den Muskeln: Ich w\u00fcrde in diesem Alter sehr an der Komunikation \u00fcben \u2013 ich wei\u00df es aus eigener Erfahrung!<br \/>\nJetzt sind wir alle Stationen der Ausbildung durchgegangen. Sp\u00e4testens dann d\u00fcrfte Ihr Liebling seine Diagnose erfahren haben \u2013 oder er musste den ganzen Weg als ziemlicher Sonderling zur\u00fcckgelegt haben!<br \/>\nIm Gegensatz zu Jungen haben es M\u00e4dchen meistens etwas leichter, weil sie sich auch f\u00fcr Dinge interessieren d\u00fcrfen, die nicht so &#8222;hip&#8220; sind. Auch gehen M\u00e4dchengruppen nicht so k\u00f6rperlich aggressiv gegen andere vor wie Jungen \u2013 Intrigen und Manipulation sind daf\u00fcr schon h\u00e4ufiger.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Reaktionen auf die Autismusdiagnose<\/strong><\/p>\n<p>Die Erkenntnis, ein Autist zu sein, kann unterschiedliche Reaktionen bei Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter hervorrufen. Hier einige M\u00f6glichkeiten:<\/p>\n<p>\u2022 Reaktion 1: Das Schlaraffenland:<\/p>\n<p>Das Kind wird von vorne bis hinten im Hotel Mama verzogen und verw\u00f6hnt \u2013 als Entschuldigung f\u00fcr sein Leiden und als Entsch\u00e4digung f\u00fcr alle seine bisherigen Strapatzen. Dadurch entgehen ihm sp\u00e4tere wichtige Eigenschaften wie gute Manieren und Durchhalteverm\u00f6gen, aber auch Leistung und soziale Beziehungen k\u00f6nnen v\u00f6llig fehlen, weil sich die Umwelt eben leider nicht \u00e4ndert. Ich denke, ich war als Kind immer \u201eganz normal, unauff\u00e4llig, pflegeleicht\u201c- auch wenn meine Mutter das ganz anders gesehen hat \u2013 da war ich nicht so interessant wie der Junge, der immer als Rumpelstilzchen alles zerdepperte.<\/p>\n<p>\u2022 Reaktion 2: Leugnen:<\/p>\n<p>Meistens tritt diese Phase bei Teenagern oder Erwachsenen ein. Sie wollen nicht anders als die anderen sein, sie f\u00fchlen sich genauso \u201enormal\u201c wie alle anderen. Sie wollen nicht in eine Schablone mit dem Stempel &#8222;autistisch&#8220; gezw\u00e4ngt werden. Ich hatte lange Zeit diese Phase! Man wollte einfach nicht immer zu h\u00f6ren bekommen \u201eTony Atwood hat in seinem Buch geschrieben, dass alle Autisten den Hang zu (&#8230;.) haben\u201c. Au\u00dferdem ist man es gewohnt, an sich selbst zu arbeiten, auch wenn man nie v\u00f6llig &#8222;unauff\u00e4llig&#8220; sein wird. Besonders Teenager wollen sich nicht immer helfen lassen. Das Abnabeln von den Eltern ist dementsprechend schwer.<\/p>\n<p>\u2022 Reaktion 3: Vorteile:<\/p>\n<p>Andererseits hat das Autistensein auch unleugbare Vorteile: Man bekommt manche Preiserm\u00e4\u00dfigung durch den Behindertenausweis; man wird (in der Schule) dank eines Integrationshelfers weniger ge\u00e4rgert und bekommt auch viele Fehler weniger nachgetragen \u2013 dennoch k\u00f6nnte ich mich vor Gericht f\u00fcr meine Taten mit meinem Autismus nicht herausreden. Manchmal kann ich heute diese Vorteile auch genie\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Praktische Ratschl\u00e4ge f\u00fcr Eltern<\/strong><\/p>\n<p>Zum Abschluss noch einige Tipps f\u00fcr Eltern zum Umgang mit ihrem autistischen Kind. Ich habe diese aus meiner eigenen Erfahrung zusammengetragen. Ich lege aber keine Garantie f\u00fcr sicheres Gelingen ein.<\/p>\n<p>\u2022 Verziehen Sie Ihr Kind nicht, denn es muss lernen, mit Schwierigkeiten allein fertig zu werden. Versuchen Sie, Grenzen festzulegen, was ihr Kind auf keinen Fall tun soll.<\/p>\n<p>\u2022 Hat Ihr Kind schwere auff\u00e4llige motorische Probleme, versuchen Sie trotzdem, es sozial zu erziehen. Behindert zu sein, ist keine Garantie daf\u00fcr, von anderen geliebt oder respektiert zu werden.<\/p>\n<p>\u2022 Richten Sie einen privaten R\u00fcckzugsort f\u00fcr ihr Kind ein, wo es in Ruhe gelassen wird, sich wohlf\u00fchlt und sich vom anstrengenden Alltag erholen kann.<\/p>\n<p>\u2022 Versuchen Sie, Ihr Kind zu einem Hobby zu animieren, bei dem es sich bewegt und ausnahmsweise mal den Computer stehen l\u00e4sst, wie z.B. Karate, Aikido, Paddeln, Zelten, Bootfahren oder Reiten. Achten Sie aber nach einer gewissen Zeit darauf, ob ihm diese T\u00e4tigkeit wirklich gut tut bzw. ob es sich wohlf\u00fchlt, eventuell f\u00fcrchtet es die Lehrer oder Leiter, welche sehr streng sind.<\/p>\n<p>\u2022 Bringen Sie ihrem Kind bei, sich nach fehlerhaftem Verhalten oder einem Streit zu entschuldigen und f\u00fcr die Zukunft daraus zu lernen. Sie m\u00fcssen es selbst aber auch tun, wenn Sie falsch liegen, als gutes Vorbild!<\/p>\n<p>\u2022 Loben Sie &#8211; auch ganz kleine und langsame &#8211; Erfolge; nur nicht den Mut verlieren, R\u00fcckschl\u00e4ge sind nat\u00fcrlich und schmerzhaft. Versuchen Sie aber, nicht zu \u00fcbertreiben; sehen Sie die Dinge unbedingt realistisch!<\/p>\n<p>\u2022 Kinder brauchen Liebe und Verst\u00e4ndnis, besonders in schwierigen Situationen, keine Geschenke &#8211; au\u00dfer an Weihnachten oder Geburtstagen!<\/p>\n<p>\u2022 Versuchen Sie, nicht nur an Vergangenes zu denken. Auch Autisten \u00e4ndern sich \u2013 manchmal dauert es eben extrem langsam. Sehen Sie die heutige Realit\u00e4t!<\/p>\n<p>\u2022 Respektieren Sie manche &#8222;Schrullen&#8220; ihres Kindes einfach, egal, wie unsinnig Sie Ihnen erscheinen. Sie geh\u00f6ren eben zu Ihrem autistischen Kind. Und wenn sie sonst nicht weiter st\u00f6ren, ist es okay!<\/p>\n<p>\u2022 Suchen sie die Vorteile oder F\u00e4higkeiten ihres Kindes. Jedes Kind hat irgendwo seine besonderen Begabungen. Vielleicht l\u00e4sst sich dadurch eine Zukunft aufbauen.<\/p>\n<p>\u2022 Sagen sie Ihrem Kind immer, wenn es nervt oder Schwachsinn erz\u00e4hlt. Es ist besser, wenn es das von Ihnen h\u00f6rt als von Arbeitskollegen oder Klassenkameraden!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Ratgeber f\u00fcr verzweifelte Eltern Einf\u00fchrung Autisten sind keine Heiligen &#8211; ich denke, \u00fcber diesen Punkt sind wir uns schnell einig. Sie sind weder b\u00f6se noch verr\u00fcckt und nur in seltenen F\u00e4llen unzurechnungsf\u00e4hig. Doch was tun, wenn die Diagnose kommt? Wenn pl\u00f6tzlich die Eltern ihrem Kind mehr Aufmerksamkeit schenken, als es ihm vielleicht lieb ist? 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