{"id":96,"date":"2014-06-17T22:34:17","date_gmt":"2014-06-17T20:34:17","guid":{"rendered":"http:\/\/robin-schicha.de\/?page_id=96"},"modified":"2014-07-06T14:46:48","modified_gmt":"2014-07-06T12:46:48","slug":"schlaflose-naechte-in-der-mondscheinstrasse-7","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/robin-schicha.de\/?page_id=96","title":{"rendered":"Schlaflose N\u00e4chte in der Mondscheinstra\u00dfe 7"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vorwort<\/strong><\/p>\n<p>Schlafen ist wichtig. Ohne den Schlaf g\u00e4be es zwar auch keine Albtr\u00e4ume, dennoch k\u00f6nnen wir unm\u00f6glich auf ihn verzichten.<br \/>\nLeider gibt es Menschen, die genau dieses Problem qu\u00e4lt, n\u00e4mlich: schlaflose N\u00e4chte. Es gibt viele Erkl\u00e4rungen f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen. Manche davon sind eine bevorstehende Klassenarbeit, Familienstreit, der auf dem Herzen liegt oder auch Vollmond. Ja Vollmond! Auch wenn sie nicht den Mond anheulen, regelm\u00e4\u00dfig zum Zahnarzt gehen, Silberkugeln meiden und beginnen, Enthaarungscreme zu verwenden, so gibt es doch gewisse Personen &#8211; auf gut deutsch &#8211; anonyme Bekannte, die von den wechselnden Mondphasen beeinflusst werden. Den bedauernswerten Opfern hilft diese Erkl\u00e4rung in den meisten F\u00e4llen jedoch herzlich wenig: Wie Zombies wandeln sie schlafwandlerisch herum und erkunden nachts das Haus.<br \/>\nIm Gegensatz zum Discog\u00e4nger, der nachts sein Heim verl\u00e4sst und Parties aufsucht, um n\u00e4chtelang durchzufeiern, k\u00f6nnen Schlafwandler dieser Unterart nur selten entscheiden, ob sie nun zu Bett gehen oder wach bleiben sollen. Meistens versuchen sie, mittels altehrw\u00fcrdiger Hausriten und Stammesrezepte irgendwie doch noch den Sandmann zu bes\u00e4nftigen, dass er sich ihrer erbarmt. Dazu geh\u00f6ren das klassische &#8222;Schafe z\u00e4hlen&#8220;, Liegest\u00fctzen und Lesen.<br \/>\nManche Menschen sind sogar so verzweifelt, dass sie tats\u00e4chlich den Fernseher einschalten und verschiedene Kan\u00e4le durchzappeln, was nat\u00fcrlich nur noch mehr unerw\u00fcnschte Informationen ins \u00fcberf\u00fcllte Gehirn zwingt und die Schlaflosigkeit so verl\u00e4ngert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ludwig Ebert<\/strong><\/p>\n<p>Als interessantes Beispiel nenne ich einmal das Schicksal des armen Herrn Ludwig Ebert* (*Name wurde von der Redaktion ge\u00e4ndert). Herr Ebert lebte im Erdgeschoss des Mehrfamilienhauses in der Mondscheinstra\u00dfe 7.<br \/>\nEr hatte f\u00fcnf Katzen, mit denen er sich tags\u00fcber einen kleinen Privatkrieg leisten musste. Au\u00dferdem betreute er noch seinen einj\u00e4hrigen Sohn, der mit Vorliebe stundenlang schrie. Zus\u00e4tzlich musste er sich auch um seinen pinkelfreudigen Dackel Lester k\u00fcmmern.<br \/>\nEs wundert nicht, dass er nachts vollkommen ersch\u00f6pft ins gem\u00fctliche Bett wankte, um seinen wohlverdienten Schlaf zu bekommen. Doch dieser wollte ihm irgendwie nicht zuteil werden. Zwar steht ein ausgewogener Schlaf nicht unbedingt in den klassischen Menschenrechten, doch Herr Ebert empfand dies so. Sein Schlaf war ihm heilig! Jeder der ihn daraus riss, war sich seines Zornes sicher!<br \/>\nSein heutiger Herausforderer war der Wasserkran. Er tropfte bedeutungsschwer vor sich hin. Murrend stand Herr Ebert auf und dr\u00fcckte den Hahn zu, bis der Tropfen verklang. Erleichtert legte der mittelalterliche Herr sich ins Bett zur\u00fcck.<br \/>\nEinst hatte er geh\u00f6rt, das Paradies sei die unber\u00fchrte Natur und der dichte Regenwald. Aber Ebert wusste es besser. Er war selbst schon einmal stundenlang durch das dichte Bl\u00e4tterwerk marschiert, und eins war ihm danach eindeutig klar: Das Paradies musste ein Bett sein! Derselbe Gedanke kam ihm auch jetzt, und er legte sich mit einem Ausdruck gro\u00dfer Zufriedenheit auf die Bettdecke.<br \/>\nPl\u00f6tzlich wurde die Stille von dem Song \u201eNew Rebels\u201c j\u00e4h unterbrochen. Einige jugendliche Rebellen hatten sich unterhalb seines Schlafzimmers verbarrikadiert und wollten ein Zeichen setzen, indem sie um Mitternacht herum ihren Lieblingssong auf volle Lautst\u00e4rke stellten.<br \/>\nSo zu tun, als w\u00e4re Herr Ebert von diesem Krach etwas beunruhigt worden, ist in etwa so, als w\u00fcrde man jemandem, der an einem Zementblock gefesselt ist und von der Mafia am Hafen verschn\u00fcrt wird, sagen, es k\u00f6nnte gleich &#8222;etwas feucht&#8220; werden. Herr Ebert \u00fcberlegte keine Sekunde lang, was er zu tun hatte. Er griff sich die kleine eingesperrte Axt f\u00fcr den Notfall bei Feueralarm, riss sie aus der Wandhalterung und rannte die Treppe nach unten. Dabei hatte er es so eilig, dass er darauf verzichtete, die T\u00fcr erst aufzuschlie\u00dfen. Mit Hilfe seiner Axt schlug er sich den Weg nach drau\u00dfen frei.<br \/>\nAls die T\u00fcr endlich nachgab, war er inzwischen wieder zu klarem Verstand gekommen. Wahrscheinlich half ihm dieser Umstand aus der Klemme, da auch die anderen Mieter den Krach nicht l\u00e4nger ertragen konnten. Eine w\u00fctende, zutiefst unausgeschlafene Meute von sehr zornigen Erwachsenen, h\u00e4mmerte gegen die Wohnung der jugendlichen Rebellen und verlangte ihre Ruhe zur\u00fcck. Die Hausmeisterin war auch schon zur Stelle und schloss die Haust\u00fcr auf, um die inzwischen eingetroffene Polizei hereinzulassen.<br \/>\nEiner der Polizisten entdeckte in einem der Jugendlichen seinen eigenen Sohn wieder, und seine Kollegen mussten einschreiten, ehe es f\u00fcr ihn zu einem pers\u00f6nlichen Fall geworden w\u00e4re.<br \/>\nHerr Ebert bekam von diesem ganzen Umstand jedoch \u00fcberhaupt nichts mehr mit. Er hatte sich, kaum dass Ruhe eingekehrt war, aufs naheliegende Sofa geschleppt und war mitsamt der Axt in der Hand eingenickt. Zu seinem Gl\u00fcck bemerkte kein Einbrecher in dieser Nacht die offene Wohnungst\u00fcre. So konnte er am n\u00e4chsten Morgen \u2013 mit deutlichen Kopfschmerzen \u2013 eine neue Wohnungst\u00fcr bestellen.<br \/>\nAu\u00dferdem legte ihm sein Gewissen nahe, dass er sich doch lieber einen Boxsack f\u00fcr solche F\u00e4lle bestellen sollte! Mittlerweile schrie sein einj\u00e4hriger Sohn wieder. Die f\u00fcnf Katzen randalierten. Dackel Lester war wieder inkontinent. Der t\u00e4gliche Alltag hatte ihn somit wieder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Franz Stuller<\/strong><\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel stellt der Nachbar Franz Stuller* (*auch dieser Name wurde von der Redaktion ge\u00e4ndert) dar, der im selben Geb\u00e4ude in der Mondscheinstra\u00dfe 7 lebte, allerdings ganz oben unter dem Dach. Stuller galt als der Kinderschreck des Hauses, was schon durch seine \u00e4u\u00dfere Erscheinung bedingt war. Er war lang und d\u00fcnn, trug stets schwarze Kleidung und eine Sonnenbrille, hatte Bartstoppeln und ein schattiges Gesicht.<br \/>\nMan munkelte, er sei in einem fr\u00fcherem Leben ein Vampir gewesen. Tats\u00e4chlich war Stuller ein Nachtmensch. Vielleicht ist jetzt der richtige Moment zu erkl\u00e4ren, welchen Beruf er \u00fcberhaupt hatte: Er arbeitete im Beerdigungsinstitut &#8222;Sch\u00f6ne Gr\u00fc\u00dfe&#8220;. Dazu quetschte er sich in die feinen schwarzen Anz\u00fcge, die auch seine Kunden in ihrer letzten Stunde zu tragen pflegten.<br \/>\nBereits sein Vater hatte diesen Beruf ins Auge gefasst &#8211; er war jedoch Friedhofsg\u00e4rtner geworden.<br \/>\nStullers gr\u00f6\u00dftes Problem war seine Vorliebe f\u00fcr Musik, die er bei der Arbeit aber nicht aus\u00fcben konnte. Er hatte einmal versucht, beim Verkauf eines Sarges Violine zu spielen, doch seine Kundschaft hatte das immer falsch aufgefasst. Die netten Witwen oder Gro\u00dfm\u00fctter, die seinen Laden betraten, bekamen bereits Kreislaufprobleme, wenn aus den S\u00e4rgen ihrer Verblichenen das L\u00e4uten eines Hanyds erklang, obwohl das f\u00fcr Jugendliche eine normale Sache war, immer ein eingeschaltetes Handy mit geilem Klingelton in der Tasche zu haben. Und die Leichentr\u00e4ger waren mittlerweile so gut bezahlt, dass sie sich Diebst\u00e4hle dieser Art verkniffen.<br \/>\nDa Franz Stuller w\u00e4hrend der Arbeit also seiner Leidenschaft nicht fr\u00f6hnen konnte, versuchte er sein m\u00f6glichstes, um wenigstens nachts seinen Bedarf an Musik aufzuholen. Anfangs war er mit Trompete im Hausflur herumgetanzt. Er musste dann anschlie\u00dfend in der Nervenheilanstalt nachweisen, dass sein Beruf ihn nicht in den Wahnsinn getrieben hatte. Die Ignoranz der Polizei ging ihm geh\u00f6rig auf die Nerven. Er war ein deutscher Staatsb\u00fcrger, er hatte Rechte! Schlie\u00dflich lie\u00dfen sie ihn gehen, beschlagnahmten aber alle Musikinstumente, die sich in seiner Wohnung befanden. Daraufhin besorgte er sich eine Stereoanlage und h\u00f6rte den ganzen Abend den Song &#8222;Wer hat Angst vor Dracula&#8220;.<br \/>\nGerade als er bei dem Teil &#8222;im schicha-schubidu-Mondenschein&#8220; richtig loslegen wollte, klingelte das Telefon. Es war sein Chef, der ihm mitteilte, er w\u00fcrde ihm eine Woche Urlaub geben, damit er sich von seinen Eskapasen erst einmal erholen k\u00f6nne. Diese Aussage irritierte Franz zwar ein wenig, doch er beschloss einfach, nach dem Auflegen weiterzutanzen. Er hatte ohnehin nicht vorgehabt, am n\u00e4chsten Morgen zur Arbeit zu gehen.<br \/>\nLeider durfte Stuller auch die n\u00e4chsten N\u00e4chte nicht laut durchfeiern, weil unter ihm die Hausmeisterin des Hauses wohnte. Mit ihrem Besen hatte sie schon mehrmals ein Loch durch den Deckenboden geschlagen, wenn es ihr zu unruhig wurde. Um ehrlich zu sein, war Stuller fast dankbar f\u00fcr diese Ruhepause, denn er hatte seit zwei Tagen nicht mehr richtig geschlafen und gegessen.<br \/>\nUm seiner Musikleidenschaft treu bleiben zu k\u00f6nnen, griff Stuller zu einer List: Er kaufte sich Kopfh\u00f6rer und beschloss, bei der Arbeit Musik zu h\u00f6ren, damit er nachts wieder schlafen konnte. Seine Kunden stellten ohnehin immer dieselben Fragen, so dass er die Antworten alle parat hatte. Der Plan funktionierte anfangs ganz gut. Doch die R\u00fcckfahrt von der Arbeit nach Hause mit Umsteigen in einen anderen Bus erschien ihm pl\u00f6tzlich viel gef\u00e4hrlicher, wenn man halbtaub war. Als er zum siebten Mal fast von einem hupenden Auto angefahren worden war, beschloss Franz Stuller schweren Herzens zu akzeptieren, dass Musik vielleicht doch nicht so sein Ding war!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nachwort<\/strong><\/p>\n<p>Wie Sie festgestellt haben, liebe Leserinnen und Leser, liegt das Problem der Schlafst\u00f6rung nicht immer beim Menschen selbst. Einige provozieren mit ihren Handlungen &#8211; wie bei Herrn Stuller &#8211; gewisse Situationen herauf, andere &#8211; wie Herr Ebert &#8211; sind ihnen hilflos ausgeliefert.<br \/>\nVielleicht gibt es ja auch in Ihrem Leben \u00e4hnliche Situationen, die Sie noch niemals jemandem erz\u00e4hlt haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorwort Schlafen ist wichtig. Ohne den Schlaf g\u00e4be es zwar auch keine Albtr\u00e4ume, dennoch k\u00f6nnen wir unm\u00f6glich auf ihn verzichten. Leider gibt es Menschen, die genau dieses Problem qu\u00e4lt, n\u00e4mlich: schlaflose N\u00e4chte. Es gibt viele Erkl\u00e4rungen f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen. Manche davon sind eine bevorstehende Klassenarbeit, Familienstreit, der auf dem Herzen liegt oder auch Vollmond. 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