{"id":55,"date":"2014-06-13T17:28:55","date_gmt":"2014-06-13T15:28:55","guid":{"rendered":"http:\/\/robin-schicha.de\/?page_id=55"},"modified":"2014-07-06T14:45:57","modified_gmt":"2014-07-06T12:45:57","slug":"deutsche-metaphern","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/robin-schicha.de\/?page_id=55","title":{"rendered":"Deutsche Metaphern"},"content":{"rendered":"<p>Mein Name ist Simem, und ich komme von der kleinen Insel Kalpalko im Indischen Ozean. Aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden bin ich von meinem Stamm getrennt und nach Deutschland verschifft worden. Hier habe ich viele interessante und manchmal auch sch\u00f6ne Erlebnisse mit der deutschen Sprache erfahren.<\/p>\n<p>Anders als bei meiner Muttersprache \u2013 meine Mutter lebt noch auf Kalpalko \u2013 ist die deutsche Sprache sehr mehrdeutig und voller Metaphern. Vieles wird hier nicht so gemeint, wie es gesagt wird. Diese Redewendungen werden hier auch als \u201egefl\u00fcgeltes Wort\u201c bezeichnet.<\/p>\n<p>So verwarnte mich ein deutscher Lehrer wegen meiner &#8222;Eselsohren&#8220;. Ich sah mich daraufhin erstaunt im Spiegel an, fand aber keinen Esel oder einen Menschen mit esel\u00e4hnlichen Ohren. \u00dcberraschenderweise war damit aber eine Seite meines Mathematikbuches gemeint, die nicht gut behandelt worden war.<\/p>\n<p>Ein deutscher Mitsch\u00fcler erz\u00e4hlte mir am gleichen Tag, dass er in der Schule manchmal ein &#8222;Brett vorm Kopf&#8220; habe. Auch hier war ich ganz ersch\u00fcttert. Ich habe lange nach dem Brett gesucht, es aber nie gesehen!<\/p>\n<p>Vor einiger Zeit erz\u00e4hlte mir ein anderer deutscher Junge, dass er nun endlich &#8222;N\u00e4gel mit K\u00f6pfen&#8220; machen wollte. Ich fragte ihn, ob er daf\u00fcr einen Hammer ben\u00f6tigte. Aber er erkl\u00e4rte mir, dass daf\u00fcr kein Werkzeug n\u00f6tig w\u00e4re. Einen Hammer wollte er jedenfalls nicht haben.<\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdig fand ich eine Gegebenheit, als ich einmal etwas \u00fcber mich erz\u00e4hlte. Da meinte meine Lehrerin, dass sich &#8222;der Esel immer zuerst nennt&#8220;. Wieso ein Esel? Erneut war ich verwirrt. Wo war hier schon wieder ein Esel? Es ging doch nur um mich! Ein bisschen beleidigt war ich schon\u2026<\/p>\n<p>Ein anderer Lehrer forderte mich auf, in meinem Leben mehr &#8222;Grenzen zu\u00a0 \u00fcberschreiten&#8220;. Ich dachte eigentlich immer, dass ich durch meine lange Anreise aus Kalpalko schon genug Grenzen anderer L\u00e4nder \u00fcberschritten h\u00e4tte; aber das war gar nicht Sinn dieser Aussage. Es bedeutete, dass ich mich mehr trauen sollte, um Neues auszuprobieren!<\/p>\n<p>Einer sehr unbeliebten Lehrerin wurde nachgesagt, sie &#8222;habe Haare auf den Z\u00e4hnen&#8220;. Aber ihre schneewei\u00dfen Z\u00e4hne sahen sehr gepflegt aus, und es gelang mir nicht, irgendein Haar dort zu entdecken!<\/p>\n<p>Viele dieser deutschen Redewendungen scheinen einen historischen Hintergrund zu haben. Als ich einmal vor der Klasse begeistert von meiner alten Heimat erz\u00e4hlt hatte, meinte ein Mitsch\u00fcler verdrie\u00dflich, ich solle mir &#8222;Asche aufs Haupt&#8220; (also auf die Haare) streuen und bereuen. Vielleicht haben das die Menschen hier fr\u00fcher wirklich einmal gemacht \u2013 es gibt ja in Deutschland den &#8222;Aschermittwoch&#8220;.<\/p>\n<p>Ein anderes Mal meinte ein Mitsch\u00fcler, dass ich wohl &#8222;chinesisch&#8220; sprechen w\u00fcrde, denn er hatte nichts von dem verstanden, was ich ihm erkl\u00e4rt hatte. Dabei kann ich gar kein chinesisch! Auch in meiner Heimat sprach niemand chinesisch!<\/p>\n<p>Vor einiger Zeit hatte mein deutscher Freund seine erste Arbeitsstelle gefunden, weil er die Schwelle zum Erwachsenendasein \u00fcbertreten hatte (was ja streng genommen keine gro\u00dfe Leistung war, da wir alle einmal \u00e4lter werden). Leider hatte er gro\u00dfe Probleme, sein Geld gut einzuteilen. Andere Freunde erkl\u00e4rten mir, dass er sein<\/p>\n<p>&#8222;Geld aus dem Fenster werfen&#8220; w\u00fcrde. Das fand ich \u00e4u\u00dferst dumm von ihm, zumal das Geld hier selten auf der Stra\u00dfe liegt.<\/p>\n<p>Ein anderes Zitat, was ich aber inzwischen selbst gerne verwende, besagt, dass man den &#8222;Pfennig genauso w\u00fcrdigen soll wie den Taler&#8220; (heute sind damit wohl eher Cent und Euro gemeint).<\/p>\n<p>Wie alle Menschen aus Kalpalko male ich sehr gerne. Als ich mich mit einem deutschen M\u00e4dchen dar\u00fcber unterhielt, sagte sie mir, dass sie leider zwei &#8222;linke H\u00e4nde&#8220; h\u00e4tte und deshalb nicht so gut zeichnen k\u00f6nne. Aber darin sah ich \u00fcberhaupt kein Problem. Man kann doch auch mit links zeichnen. Es gibt viele k\u00fcnstlerisch begabte Linksh\u00e4nder! Das M\u00e4dchen lachte \u00fcber meine Erkl\u00e4rungsversuche, denn auch sie hatte es \u2013 wieder einmal \u2013 nicht Ernst gemeint mit dem, was sie sagte!<\/p>\n<p>Hier muss ich noch viel lernen, denn die deutsche Sprache ist voller geheimnisvoller Bilder, die es noch zu ergr\u00fcnden gibt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Name ist Simem, und ich komme von der kleinen Insel Kalpalko im Indischen Ozean. Aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden bin ich von meinem Stamm getrennt und nach Deutschland verschifft worden. Hier habe ich viele interessante und manchmal auch sch\u00f6ne Erlebnisse mit der deutschen Sprache erfahren. Anders als bei meiner Muttersprache \u2013 meine Mutter lebt noch auf [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":9,"menu_order":5,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-55","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/robin-schicha.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/55","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/robin-schicha.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/robin-schicha.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/robin-schicha.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/robin-schicha.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=55"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/robin-schicha.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/55\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":84,"href":"https:\/\/robin-schicha.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/55\/revisions\/84"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/robin-schicha.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/9"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/robin-schicha.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=55"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}